Im Herbst werden die Bäume kahl und langsam kommen die alten Mauern und Gebäude wieder zum Vorschein, wenn das schützende Blätterkleid fällt. Die Architektur ist ein Feld voller Geheimnisse und alchemistischer Prinzipien, die in der Bauweise versteckte Überlieferungen sind. Gebäude sind nicht nur Zeitzeugen, sondern Wegweiser zu etwas Ursprünglichem.
Das alte Wissen in der Architektur
Im 13. Jhdt brachten die Templer von den Kreuzzügen aus dem heiligen Land viele neue Ideen mit. Die alchemistischen Lehren kamen mit ins Gepäck.
Versteckt in der Architektur konnte das Wissen in Stein erhalten werden. So entstanden gleichzeitg in vielen europäischen Ländern gotische Kathedralen, in denen man die sieben hermetischen Prinzipien, die Tria Principia und die Zusammenhänge zwischen Mikro- und Makrokosmos erkennen kann.
Eines der sieben hermetischen Prinzipien besagt, dass es männlich und weiblich gibt. Dies sind Qualitäten, die sich gegenüber stehen wie Sonne und Mond.
Je sechs Sternzeichen haben männliche oder weibliche Prägung.
Die meisten Türme sind aus Gründen der Symmetrie gleich gebaut, aber einige Kirchen, zumeist solche, wo Tempelherren am Bau bzw. der Finanzierung
beteiligt waren, zeigen unterschiedliche Türme.
Alchemie wird in Türmen sichtbar

Es gibt zur Veranschaulichung drei Beispiele aus Frankreich, Polen und Deutschland:
Die beiden Türme der Kathedrale von Chartres zeigen, dass männlich und weiblich zwar unterschiedlich sind, aber jeder jeweils etwas vom anderen
Geschlecht in sich trägt.

Der männliche Turm links ist orientiert nach Süden, die Spitze ist mit der Sonne.
Aber: Er zeigt weibliche romantische Fischaugengotik im Fenster.
Der weibliche Turm rechts ist nach Norden gerichtet, die Spitze mit dem Mond. Er hat jedoch romanische kühle Fenster.
Die Marienbasilika in Krakau zeigt den männlichen Turm, links, höher als den weiblichen. Er wirkt durch seine
lanzenartigen Spitzen aggressiver. Der weibliche Turm, rechts, wirkt sanfter durch seine Rundungen in den Dächern.

Auch die Stadtkirche St. Dionys in Esslingen ist interessant:
Der linke, männliche Turm ist wuchtiger als der rechte. Die Fenster sind eher romanisch schlicht, während der weibliche Turm, eleganter, mit zierlicher Spitze
und Ballustrade versehen ist. Die gotischen Fenster zeigen ein verspieltes Masswerk mit Dreipass.

Während die Mauern beim männlichen Turm einfach glatt sind, hat der weibliche auch noch reliefartige Eindrücke. Die Brücke war ursprünglich nicht vorgesehen, sie musste eingebaut werden, weil sich der eine Turm neigte. Allerdings wirkt er nun wie die Brücke zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, wie ein Symbol für die innige Verbundenheit der
beiden Geschlechter. Wer nicht an Zufälle glaubt findet hier eine wunderbares Indiz für das Wirken der Natur.
Der Herbst bietet sich an, unbedingt Augen und Sinne für die architektonischen Besonderheiten und Geheimnisse zu öffnen. Vielleicht begegnet Dir auf dem nächsten Spaziergang durch eine malerische Altstadt ein Gebäude, von dem die Blütenpracht im Sommer mehr abgelankt hat, als es zu schmücken.
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